Allerorten liest, hört und sieht man dieser von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche, katholischen Internaten und anderen kirchennahen Organisationen. Was auffällt:

Der heilige Vater hat sich bis jetzt vornehm zurückgehalten und zu den Missbrauchsfällen nichts gesagt. Bis heute. Erst pünktlich zu Berichten, die nahelegen, dass Papa Ratzinger einmal in seiner Zeit als Bischof von München und Freising mit über eine Versetzung eines “auffällig gewordenen” Priesters entschieden hat. Dieser hat dann auf seinem neuen Posten wieder jemanden missbraucht. Das zweite Mal hat es dann sogar für eine Anklage und Verurteilung gereicht [zeit.de] Just wo dies bekannt wird, lässt il Papa über Herrn Zollitsch mitteilen, dass er “mit großer Betroffenheit und Erschütterung” von den Missbrauchs-Fällen in Deutschland gehört hat [stuttgarter-zeitung.de]. Gleich stellt sich auch ein williges Bauernopfer schützend vor den heiligen Vater – “Der frühere Generalvikar Gerhard Gruber (81) übernehme die “volle Verantwortung” dafür” [zeit.de]. Offensichtlicher geht‘s wohl nicht.
So stellt man sich einen offenen Umgang mit der Thematik Missbrauch vor, oder? Während in der Republik das beste aus katholischen Internaten und Jugendfreizeiten aus den letzten 4 Jahrzehnten hochgekocht wird, lässt seine Heiligkeit sich Zeit mit einem Statement, bis es ihm selber ans goldene Röckl geht.

Besorgniserregend ist auch die Reaktion der Vertreter der Kirche und treuen Anhängern im Fernsehen [daserste.de]. So war bei Maischberger am 9. März einiges los, als der österreichische Bischof Laun argumentierte, dass Missbrauch ja nicht nur ein Problem in der Kirche, sondern in der gesamten Gesellschaft sei. Womit er sicherlich recht hat. Unterschied: vom bösen Schokoladenonkel erwartet man nicht, mit einem höheren Auftrag in Gottes Namen zu handeln. Man überlässt Kinder und Jugendlich ja gerade der Obhut der Kirche, da man erwartet, dass es dort eben nicht zugeht wie in der “gottlosen Gesellschaft” und sie mit Alkohol und GV in Berührung kommen.

Einen traumhaften Auftritt legte auch Gabriele Kuby hin, die den Priestern und Tätern die Stange hielt indem sie die “sexuelle Revolution” als Mitursache dafür identifizierte, dass die “gesellschaftliche Sexualisierung” eben auch nicht spurlos an den zölibatären Kirchenvertretern vorübergegangen sei. Prost Mahlzeit. Da haben also einige Leute von der Revolution nichts abbekommen und holen sich das dann auch Jahre später noch von ihren Schutzbefohlenen zurück, weil die Gesellschaft so kaputt ist? Macht Sinn, vor allem weil es auch genug Fälle gab, “die jetzt erst” rauskommen, die vor der Befreiung um 1970 stattgefunden haben. Frau Kuby war übrigens auch dabei, als seinerzeit vor Harry-Potter als Einstiegsdroge zur Magie gewarnt wurde [gabriele-kuby.de][wir berichteten]. Ein Besuch ihrer Webpräsenz für die kleine Prise modernen Fanatismus lohnt in jedem Fall.

Abschließend kann man sagen, dass sich im Zuge dieser “Unannehmlichkeiten” mit denen die katholische Kirche momentan zu kämpfen hat ein Zug der Strukturen zu manifestieren scheint, der zu diesen Problemen erst geführt hat. Der Zug, dass es sich bei der Kirche um einen verschlossenen Alt-Herren-Club handelt, dessen Mitglieder sich untereinander Rückendeckung geben, bis es eben nicht mehr geht. Ein offener Umgang und eine absolute Aufklärung soll stattfinden – aber warum erst jetzt? Warum erst, als es „Prügel- und Sexattacken“ von Priestern auf die Titelseiten schaffen? Mit dem Finger auf die “kranke” Gesellschaft und die von Missbrauch durchzogene Menschheitsgeschichte zu zeigen macht den Umstand nicht besser, dass es auch in einer Organisation, die sich, zumindest der Idee nach, die Bekämpfung dieser Missstände auf die Fahnen geschrieben hat zu Fällen kam. Rechtfertigung geht anders.

EDIT: Als Ergänzung zu dem Thema, ein schöner Artikel zum Thema Glauben und Alltag auf Telepolis [heise.de].